Abstracts Osteuropa 1/2007

Lev Gudkov
Rußlands Systemkrise. Negative Mobilisierung und kollektiver Zynismus

Rußland scheint seit dem Machtantritt Putins stark wie schon lange
nicht. Doch der Schein trügt. Rußland degeneriert zu einem korrupten
Polizeistaat, die Gesellschaft verelendet, und das Land gerät immer mehr
in die Isolation. Die Legitimitätskrise des Herrschaftssystems offenbart
sich in einer gezielten negativen Mobilisierung, die Haß gegen “die
Oligarchen”, gegen die USA und die NATO, gegen Georgien und die Ukraine
schürt. Zukunftsängste, Zynismus, Feindbilder und eine diffuse
Aggression breiten sich aus. Das Bedürfnis nach einem schützenden
Kollektiv wächst. Wer einen Feind identifiziert und fordert, daß dieser
vernichtet werden müsse, wird zum Sinnstifter. Doch die zur Schau
gestellte politische Entschlossenheit verdeckt nur die omnipräsente
staatliche Inkompetenz.

Regine Richter, Kai Schäfer
Geld für Öl. Deutsche Banken in der rußländischen Ölförderung

Im Rußland müssen in den nächsten zehn Jahren jährlich knapp zwanzig
Milliarden Dollar in die Förderung, die Verarbeitung und den Transport
von Erdöl investiert werden. Ein wichtiger Teil des benötigten Kapitals
muß auf dem internationalen Kapitalmarkt bezogen werden. Schon heute
sind deutsche Banken bei der Vergabe internationaler Konsortialkredite
führend beteiligt. Umwelt- und Sozialstandards spielen dabei bislang
kaum eine Rolle. Dabei gehört die Ölindustrie zu den größten
Umweltverschmutzern in Rußland.

Björn Kunter
Belarus: Do No Harm. Forderungen an externe Demokratieförderung

Ausländische Förderer haben in Belarus die Entstehung einer
Pseudoopposition gefördert. Diese orientiert sich nicht an den
Bedürfnissen der Bevölkerung, sondern an den Ideen der Geldgeber.
Fehlende Wirkungsanalysen, hierarchische Entscheidungsmechanismen und
die Orientierung an Pseudoerfolgen haben die Opposition der Bevölkerung
entfremdet. Dies ist eine Ursache für das Scheitern des demokratischen
Aufbruchs. Demokratieförderung von außen bedarf eines bescheideneren,
sorgfältigen und selbstreflexiven Stils, um nachhaltige Wirkungen zu
erzielen. Außerdem sollten Lehren aus der gewaltfreien Aktion stärker
berücksichtigt werden.

Ingo Petz
Aufbruch durch Musik. Kulturelle Gegenelite in Belarus

Für die Demokratisierung in Belarus gibt es einen Partner, der bislang
zu wenig zur Kenntnis genommen wurde. Seit Mitte der 1990er Jahre hat
sich eine kulturelle Opposition aus jungen Menschen gebildet. Deren
Kreativität und Aktivitäten sind ein zentraler Motor für demokratische
Veränderungen. Das haben die Proteste nach den Präsidentschaftswahlen im
März 2006 gezeigt. Demokratieförderung aus dem Westen darf nicht nur auf
die Oppositionsparteien blicken. Es gilt, diese neue informelle
Opposition stärker zu berücksichtigen und ihr ein Forum in Europa zu
bieten. In diesem Milieu entsteht eine junge Gegenelite, die das Belarus
von morgen formen wird.

Thomas Urban
Es hitlert sehr. Das Deutschlandbild der polnischen Medien

Führende polnische Zeitungen und Zeitschriften sprechen von einer
Wiederkehr deutschen Großmachtstrebens. Hitler feiert ein Comeback als
Interpretationshilfe für aktuelle Ereignisse in Deutschland. Besonders
stark sind Verzerrung, Verfälschung und Auslassung in der
Berichterstattung über das Projekt eines Zentrums zur Dokumentation von
Vertreibungen in Berlin. Hier treffen zwei Phänomene zusammen. Zum einen
erlaubt ein liberales Presserecht Journalisten, aus Hintergrund- oder
Telefongesprächen Interviews zu konstruieren. Die Hürden für die
Publikation von Gegendarstellungen sind hoch, Zivilprozesse schleppen
sich oft jahrelang hin. Zum anderen sind die deutsch-polnischen
Vergangenheitsdebatten in verschiedenen Stadien. In Polen geht es darum,
das Bild von Polen als Opfer der Deutschen an die junge Generation
weiterzugeben. In der Bundesrepublik werden Debatten über die
angemessene Art des Gedenkens an den Nationalsozialismus geführt.

Pavel Pecínka
Emanzipation oder Folklore? Die europäischen Romaorganisationen

Seit einigen Jahrzehnten versuchen Roma aus verschiedenen europäischen
Ländern, europäische Roma-Organisationen aufzubauen. Die wichtigsten
sind die International Roma Union (IRU) und der Roma National Congress
(RNC). Neuen Schwung hat diese Idee bekommen, seit der Europarat im Jahr
2004 mit dem European Roma and Traveller Forum (ERTF) eine
Dachorganisation etabliert hat. Alle international operierenden
Roma-Organisation kämpfen allerdings mit dem Problem innerer Spaltung,
sowie mit dem nur teilweise berechtigten Vorwurf, sie seien den
Menschen, die sie vertreten sollen, entfremdet.

Per Brodersen
Gebrochene Identitäten. Das Gebiet Kaliningrad in den Nachkriegsdekaden

Nach der Eroberung Ostpreußens fiel der nördliche Teil der östlichsten
deutschen Provinz an die Sowjetunion und erhielt 1946 den Namen
Kaliningradskaja oblast’. Doch die Geschichte des Gebiets brach nicht
einfach ab. Nicht nur physische Reste Königsbergs existierten fort. Auch
im Alltag war das Alte im Neuen präsent. Der Bevölkerungsaustausch, die
räumliche Lage und die Probleme des Alltags erschwerten es dem
Sowjetregime in Moskau und vor Ort, unter den Bewohnern des Gebiets neue
Identitäten zu stiften. Sowohl die Kaliningrader als auch die
sowjetische blieb gebrochen.

Diana Zitzmann
Die russische Banja im Kommunismus. Aleksandr Nikol’skijs Leningrader Bäder

Zwischen 1927 und 1930 baute der konstruktivistische Architekt Aleksandr
Nikol’skij in Leningrad zwei Badeanstalten. Obwohl die Bol’seviki mit
der vorrevolutionären Lebensweise brechen wollten, entschied sich das
Kommunalwirtschaftsamt, den urrussischen Typ der Banja zu errichten.
Doch die Neubauten weisen in Funktion und Gestaltung deutliche
Unterschiede zu ihren Vorgängern auf. In minimalistischem Raumprogramm
und nüchterner Atmosphäre kommen die sowjetischen Kulturideale zum
Ausdruck. Die Banjas stellen so eine Absage an die traditionelle
Freizeitkultur und Banjamystik dar.

Karlheinz Kasper
Rußlands “neue Realisten”. Sergej Sargunov, Roman Sencin und Genossen

Die Literaturszene in Rußland nahm die Milleniumsgrenze zum Anlaß, eine
Bilanz der Entwicklung der postsowjetischen Literatur zu ziehen und nach
Anzeichen für einen Paradigmenwechsel zu suchen. Die bereits vorher
erwachte Kritik am Postmodernismus, der nach dem Zusammenbruch des
Kommunismus die literarische Landschaft dominiert hatte, hat sich
seither verstärkt. Eine wichtige Rolle im anti-postmodernistischen,
teilweise nationalistisch gefärbten Diskurs spielen die “neuen
Realisten”, unter denen die Literaten und Publizisten Sergej Sargunov
und Roman Sencin eine besondere Stellung einnehmen.

Kai Struve
Gedächtnisräume und Geschichtserzählung. Neuerscheinungen zur Ukraine während des Zweiten Weltkriegs

Erinnerungskulturen und Historiographien stehen in einem engen
Zusammenhang. Dies belegen auch die Neuerscheinungen zur Geschichte der
Ukraine während des Zweiten Weltkriegs und zur Erinnerung an diese Zeit,
die der folgende Beitrag vorstellt. Während Forschungen zur
gegenwärtigen ukrainischen Erinnerungskultur die Vorherrschaft einer
heroischen nationalen Geschichtserzählung zeigen, die die Erinnerung an
den Holocaust weitgehend ausschließt, stand das Schicksal der Juden
zumindest seit den 1980er Jahren im Mittelpunkt der westlichen
Forschung, die damit einen in dieser Zeit stattfindenden Wandel in den
kollektiven Gedächtnissen des Westens reflektierte. In neueren
Forschungen zeigt sich allerdings das Bestreben, eine gewissermaßen
integrierte Geschichte des deutschen Besatzungsregimes zu schreiben, in
der der Holocaust in die Gesamtpolitik eingeordnet und das Schicksal der
verschiedenen Bevölkerungsgruppen einschließlich deren eigener
Erfahrungen und Sichtweisen berücksichtigt wird.

Published 17 January 2007
Original in German

Contributed by Osteuropa © Osteuropa

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